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Freitag 1er Februar 2002


Thermikfliegen für Fortgeschrittene (2)


   

Wer würde sich nicht wünschen, Aufwinde auf ihrem Weg von der Entstehung am Boden bis zur Wolkenbasis förmlich sehen zu können. Um wieviel leichter wäre es dann, Bärte exakt zu zentrieren oder überhaupt den vor einem Absaufer rettenden Aufwind zu finden. Es gibt keine funktionierenden Thermikbrillen, aber ein fundiertes Wissen um die Struktur von Aufwinden kann doch eine Menge dazu beitragen, beim Zentrieren und bei der Thermiksuche den anderen eine Nasenlänge voraus zu sein. Im zweiten Teil von Thermikfliegen für Fortgeschrittene beschäftigen wir uns deshalb neben der Auswirkung von Inversionen auf die Thermikbildung auch ganz besonders mit der Struktur von Thermikschläuchen.

Fliegen über oder in Inversionen
Klassisches Beispiel :Dolomiten/Marmolada. Die durch den Mittelmeereinfluß viel feuchtere Luft südlich der Marmolada erzeugt eine viel tiefere Basis. Befindet sich im Tal eine starke Inversion, kann man oberhalb manchmal thermisch fliegen. Bedingung ist natürlich, daß man so hoch über der Inversion startet, daß Thermik auch entstehen kann (mindestens 200-300 m). Einmal sind wir im Mai am Zettersfeld/Lienz/Österreich über so einer zähen Nebeldecke sehr gut thermisch geflogen. Zu bedenken ist allerdings, daß die Hochnebeldecke in der Höhe schwanken kann, der Landeplatz muß natürlich immer frei sein. Grundsätzlich kann man zwar unter der Inversion oft auch thermisch fliegen, meist aber nur bis zur Höhe der Inversion. Will man früh starten, um z.B. große Strecken fliegen zu können, ist es von Vorteil, ein paar hundert Meter höher zu starten. In größeren Höhen hat sich die Thermik schon besser formiert und ist zuverlässiger. Besonders geeignet ist das, wenn die normale sommerliche Bodeninversion noch nicht durch die Sonne ausgeheizt ist. Die Aufstiegsmühe lohnt sich in solchen Fällen sehr oft. Zur stärksten Thermikzeit sind manche Blasen stark genug, um durch die Inversion durchzustoßen. Oberhalb der Inversion findet man oft weiteren thermischen Anschluß. Dieses Durchstoßen auch hartnäckigster Inversionen gelingt manchmal an steilen Berghängen, indem man im warmen Hangaufwind sehr nahe am Fels hochsoart. In sehr stabilen Inversionen gibt es trotzdem Thermik, wenn wenig Wind weht und die Sonne stark scheint. Dann überhitzt die Luft so stark am Boden, daß Thermikblasen schnell aufsteigen und nach oben hin langsamer werden. Das stärkste Steigen ist bei diesen Bedingungen in den unteren Bereichen zu finden. Meist ist es turbulent und geht eben nicht sehr hoch. Nicht gerade angenehme Flugbedingungen ! Ein Hinweis noch zur Windgeschwindigkeit : Oberhalb von Inversionen ist der Wind oft schwach (herbstliche Hochdrucklage - oben warm, unten warm, kein Antrieb, um Thermik aufsteigen zu lassen). Das bedeutet aber nicht, daß der Wind im Tal auch schwach ist. Talwind kann auftreten und durch die tiefe Inversion wird dieser kanalisiert und beschleunigt. Es kann aber auch der genau umgekehrte Fall auftreten, wenn z.B. starker Föhn auf einer Inversion aufgleitet und nicht bis ins Tal durchbricht. Trügerische Windstille im Tal, die sich aber plötzlich in stärkste Windböen verwandeln kann, wenn der starke Wind dann doch den Weg durch die Inversion findet. Wie sieht die Thermik aus ? Betrachten wir einmal das bekannte Modell der Wirbelringstruktur der Thermik . Im Zentrum der Thermik geht es bekanntlich besser hoch als am Rand, sei es durch die Wirbelringbewegung oder durch die Tatsache, da der Rand der aufsteigenden Luft durch die Umgebungsluft gebremst wird. Pilot B im Zentrum der Blase steigt doppelt so schnell wie der Pilot A, der bereits am Gipfel der Thermikblase angelangt ist. Pilot A fliegt im Gegenwind des Wirbelrings, am GPS würde er sehen, daß er über Grund langsam fliegt. Fliegt er über das Zentrum hinaus, bekommt er plötzlich Rückenwind, verbunden mit geringerem Steigen. Also schnell wieder Umdrehen und gegen den Wind zurück ins Zentrum. Pilot C ist noch über der Thermikblase, sinkt er weiter ab, kann er auch wieder steigen. Pilot D befindet sich im Sinken neben der Blase, mit seinem GPS merkt er, daß er plötzlich beschleunigt - mit erhöhtem Sinken weggeschoben wird. Pilot E fliegt im verminderten Sinken mit einer Seitwärtsdrift zum Thermikschlauch hin. Ein guter Pilot sollte in der Theorie mit diesem Modell vertraut sein, um sich im Flug eine Vorstellung der jeweiligen Thermik machen zu können. Dieses "Sehen" und "Verstehen" der Thermik sowie das Spüren feinster Bewegungen sind schwer zu beschreibende Dinge, man muß seine ganzen Sinne schärfen und wachhalten. Wenn ich z.B. geradeaus fliege und eine kleine Drift zur Seite verspüre, eventuell verbunden mit etwas weniger Sinken, dann fliege ich da sofort hin. Wenn man weiß, wie die Thermik aussehen könnte, hilft das sehr. Leider sehen wir die Thermik ja nicht !

Bei Meßflügen ermittelte Thermikstrukturen) ergeben dann oft allerdings ein völlig anderes Bild, als die Modellvorstellung. Zum Beispiel kann der Steigbereich an einer Seite plötzlich zu Ende sein, während der Steigbereich an der anderen Seite bis zur Wolke reicht.Oder aber das stärkere Steigen wird auf einer bestimmten Höhe weniger, um etwas weiter oben wieder zuzunehmen. Die Aufwinde steigen auch nicht gerade herauf, sondern werden immer wieder etwas versetzt. Diese versetzten Thermikschläuche, besonders durch Windscherungen hervorgerufen, sind manchmal nicht leicht zu zentrieren. Bei ständig wechselnden Windscherungen muß man sich sehr konzentrieren, um im Zentrum zu bleiben. Immer dem stärksten Steigen folgen ! Manchmal, wenn es sehr zäh hochgeht (und keine Piloten in meiner Nähe sind), mach` ich sogar die Augen zu, um mich nur noch auf mein Vario zu konzentrieren.

Drehrichtung von Thermikblasen
Die meisten Thermikblasen drehen bei uns (Nordhalbkugel) links herum. Ein tolles Beispiel habe ich einmal in Bassano/Italien erlebt. In einem konstanten Aufwind mit 3 m/s habe ich schön zentriert (ich drehte gerade links), als mir ein Blatt auffiel. Es drehte sich in der Blase sehr schnell links herum. Ich flog einen etwas größeren Kreis als das Blatt und peilte über meinem Innenflügel immer dieses Blatt an. Wir flogen - wie es sich gehört - umeinander herum, das Blatt nahm mir allerdings bei jedem Kreis einen Meter ab, bis ich es aus den Augen verloren hatte. Dieses Erlebnis hat mir toll aufgezeigt, daß manche Blasen nicht nur als Wirbelring von innen nach außen auftreten, sondern auch drehend vorkommen.

Die Quintessenz aus den "Thermikvorstellungen" ist jedenfalls, daß es kein festes Schema gibt. Man sollte sich daher vorstellen, was es alles geben könnte, und seine Thermiksuche und Zentrierversuche dem anzupassen. Noch ein Tip zum Schluß : Wolkenschatten lösen auch Aufwinde vom Boden ab. Wenn man den Windversatz und die Zeit berechnet, bis die Thermikblase nach oben kommt, dann weiß man, wo man sie suchen soll.

Burkhard Martens

(Der Autor ist langjähriger Ligapilot, hat Deutsche Rekorde und einen Weltrekord erflogen)

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